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Ich erinnere mich an Maria Magdalena

von Chameli Ardagh

In dieser schimmernden Öffnung zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen, in einem beglückenden Moment, in dem man kurz davor ist, über die Kante dessen zu kippen, was einem bekannt ist, während man das unergründliche Potenzial der unermesslichen Weite wahrnimmt, erinnere ich mich an Maria Magdalena. 

Ich erinnere mich an Maria, Myriam die Migdalah, wie Sie dort steht, im Angesicht des leeren Grabes. Ich frage mich, was Sie wohl gedacht hat, welche Gefühle und Empfindungen durch Ihren Körper gerauscht sind.

Sie war alleine zu Seinem Grab gekommen, Sie trug geweihte Dinge für das Ritual bei sich, das Sie durchführen wollte. Der Eingang des Grabes ist offen, und innen ist es leer.

Unfähig, vollständig zu verstehen, was Sie sieht, nimmt Sie jemanden hinter sich wahr, und als Sie sich umdreht, in der Annahme, es sei der Gärtner, fragt Sie sich verzweifelt, was sie getan haben. Wo haben sie Seinen Körper hingebracht?

Dann sieht Sie es. Er ist es. Jesus, Jeshuah. Er ist vom Tode auferstanden.

Dieses Bild geht mir nach, kitzelt mich, fordert mich heraus. Was ist es wirklich, das Sie in diesem Moment gesehen hat?

Als Sie voller Erstaunen ausruft „Rabboni, mein geliebter Meister!“, erwidert Jeshuah freundlich: „Klammere dich nicht an mich…sondern geh, erzähle den Anderen, dass ich auferstanden bin.“

Und dadurch wird Sie in Ihre „Wiederherstellung der Fülle des Seins“ hineinkatapultiert (Philipp-Evangelium). 

Klammere dich nicht an mich…sondern geh, erzähle den Anderen, dass ich auferstanden bin.

Jeshuah sah, und auch Myriam sah, dass es entscheidend war, dass Sie sich nicht an etwas klammern sollte, was früher einmal gewesen war, damit die Lehren tiefe Wurzeln in den richtigen Boden schlagen konnten. Sogar Seine Lehren würden in dem Moment zu Plastik werden, in dem Sie sich an diese Form „klammern“ würde, anstatt voll in der Macht dessen zu stehen, was sich in Ihr geöffnet hatte. Sie, eine Frau, war dazu bestimmt, die Zeugin und die Stimme dieses Wunders zu sein. 

Das Wunder in dieser Geschichte ist nicht allein, was Sie sah. Vielleicht noch wichtiger war dieses Erwachen zum klareren Wahrnehmen, das in Ihr geschah. Ihre unverteidigte Bereitwilligkeit, ALLES, was Sie bis dahin wusste, wie Rosenblätter zu Boden fallen zu lassen, zu Füßen des Geistes, in seiner enthüllten, nackten Pracht. Und zuletzt, aber vielleicht als das wesentlichste Wunder in dieser Geschichte, ist es das, was Sie als Nächstes tat.

Sie sah, dass der Geist Formen annimmt, die sich durch Geburt und Tod bewegen; genauso wie der Ozean nicht stirbt, wenn die Wellen sich auflösen, stirbt der Geist selbst nie. Sie sah, dass der Geist ewig ist. Indem Sie Jeshuah dort im Garten vor dem leeren Grab stehen sah, nahm Sie das ewige Licht des Seins wahr. Wie wir in der Yoginitradition sagen:, Sie „sah mit tausend Augen“. Sie sah, Sie sah wirklich, die wahre Natur des Geistes in Allem, und ja, in Ihr selbst. 

Nicht länger das Objekt
meiner Zuneigung
wurde er das
Subjekt meiner Wahrheit.

~ Robert T. Pynn

Genau hier treffen wir Myriam, jenseits der Illusion der Zeit, Yoginischwestern von Angesicht zu Angesicht mit dem Mut, der uns abverlangt wird. Mehr als 2000 Jahre später finden wir uns selbst immer noch an dieser Kante in der Luft schwebend, zitternd in der Pause zwischen den Atemzügen. Yoginischwestern, die sich gegenseitig ermutigen, sich zu erheben.

Haben wir, du und ich den Ewigen Geist gesehen? Ja, das haben wir (wir haben, wir haben, wir haben). Wenn auch nur für einen Moment – wir haben ihn gesehen. 

Ist dies ein Wunder? Ja, das ist es (wir haben das Gesicht des Geistes gesehen, Schwester. Sag mir, hast du es zugelassen, die „Alles-für-selbstverständlich-nehmen-Decke“ so dick und staubig um deine unschuldige Fähigkeit, in Ehrfurcht zu sein, wachsen lassen?) 

Kleben wir tatsächlich an dieser Verpackung und den Dogmen, die eine Illusion des Getrenntseins erschaffen – einen Abgrund  zwischen der Weisheit-des-Andersseins und uns selbst? Ja, ich fürchte, wir tun das. Wir tun es immer noch. 

Wir sind Yoginis, Liebende der Wahrheit. Große Worte. Was braucht es, um dies zu leben?

Viele von uns kennen ähnliche Begegnungen wie jene am Grab. Vielleicht nicht mit einem auferstandenen Jesus, aber dennoch hattest du möglicherweise die Erfahrung von einem vollständigen Ablegen deiner Wächter und deiner Klugheit vor einem wahren Lehrer, einem atemberaubenden Ausblick oder einem neugeborenen Kind. Und ganz plötzlich fandest du dich selbst wieder, als du in den makellosen Spiegel der Bewusstheit blicktest, und im Spiegelbild konntest du nichts anderes erkennen als die erstaunliche Schönheit dessen, wer du bist. Aber noch einmal, genau wie bei Myriam: Was noch wichtiger als das Wunder dieser Erfahrung ist, ist: was tatest du als Nächstes?

Genau hier am Ende des Ausatemzuges, nachdem ich meinen Platz im Yoginikreis eingenommen habe, einem Kreis des Feuers, der mich in meiner Hingabe halten wird, der mich antreiben, ziehen, herausfordern wird, ohne dass ich unbedingt wissen muss, warum, stehe ich dazu, was ich gesehen habe. Ich erinnere mich an Myriam, als Sie sich umdrehte und in Ihre Bestimmung eintrat.

Sie ging zurück zu der Gruppe von Männern und Frauen, die sich in Trauer versammelt hatten, und Sie erzählte ihnen, was Sie gesehen hatte. Sie übernahm das Kommando. Sie schickte nach den Jüngern, die die Stadt bereits verlassen hatten. Sie wurde die „Apostelin der Apostel“. Und im Text „Das Evangelium der Geliebten Gefährtin“ (der, obwohl den meisten von uns unbekannt, von manchen als eines der ältesten Evangelien angesehen wird), fährt Sie damit fort, eine der fundiertesten Lehren, die je in den Evangelien gefunden wurde, mit ihnen zu teilen (diese Lehre ist der Fokus unserer Maria Magdalena Vertiefung).

Rief Sie es von den Dächern, stellte Sie ein Rednerpult im Park auf? Wenn man ein wenig über die  politische und soziale Umgebung um sie herum Bescheid weiß, ist die Antwort: Vermutlich nicht. Aber stand Sie erhobenen Hauptes in Ihrem Wissen? Oh ja. Das tat Sie. Sie konnte sich nicht darauf verlassen, Stärke, Zuspruch und Bestätigung aus Ihrem Umfeld zu erhalten, wie konnte Sie auch? Sie hatte die Aufgabe, die Position an der Spitze zu übernehmen! Sie musste die Quelle Ihrer Autorität in der Innigkeit Ihrer eigenen Liebe zu dem, was Ihr gezeigt wurde, finden. Ihre Liebe, ein Sog der Schwerkraft, der heute noch an uns zerrt.

Sie ist immer noch hier. Fordert uns, Ihre Yoginischwestern, heraus, uns nicht aufzugeben, genau jetzt. Oh, ich fühle Sie, Ihr Herz brennt! Sie wartet immer noch darauf, dass wir das Festklammern an das Bekannte aufgeben, an die Autorität des Vaters, des Gurus, das alte Theater von der „Weisheit-da-Draußen-auf-einem-Thron“. 

Drehst du das endlose Hamsterrad des Suchens oder stehst du aufrecht in der Macht dessen, was du gesehen hast?

Ich spreche hier selbstverständlich nicht vom Aufbau einer neuen spirituellen Ego-Identität, vom selben alten „es-auf-meine-Art-tun“. Diese Einstellung gehört zu einer längst vergangenen Zeit. Ich  verbeuge mich in demütigerer Aufnahmebereitschaft vor jeder Form von Weisheit, männlicher und weiblicher; zwei Begriffe, die übrigens paradoxerweise weniger und weniger Bedeutung haben, je tiefer ich mich in diese Praktiken hineinbewege. Und dennoch bin ich hier, eine Yogini, zu Füßen des Frauenkreises, meinem Guru.

Trotzdem habe ich es in mir selbst und in meinen Schwestern erlebt, wie wir die Kostbarkeit unseres Weges klein machen, einfach, weil wir nicht die Bestätigung im Außen finden können. Ich erlebe, wie wir immer noch auf Zustimmung warten, während wir den frischen Kuss des Geistes, der uns in unseren Praktiken dargeboten wird, mit dem überholten Modell des „Nur-von-Männern-verkörperten-Geistes“ vergleichen;  wie wir uns immer noch im Kreis drehen und das Vergangene wiederholen. Wie wir den einen beängstigenden Schritt außerhalb des Kreises-des-Bekannten und hinein in den Rausch der selbsterhebenden Weisheit, die sich durch uns ausdrückt, vermeiden. Hoffen wir insgeheim, dass es jemand anderes für uns tun wird?

Wagen wir es, uns in die Schwelle zum gewaltigen Unbekannten hineinzulehnen und das Versprechen der Begegnung am leeren Grab ins Leben zu bringen?
Ist das Weibliche dazu bestimmt, einen wirklichen Einfluss auf den Bewusstseinswandel, den wir in dieser Zeit in unseren Knochen spüren, auszuüben?
Wer wird das lehren?
Wer wird dafür einstehen?
Bist du die Stimme des Weiblichen?
Wer sonst wird es sein?
Jeshua hat die Fackel weitergegeben – sind wir bereit?

„In der Wahrheit zu stehen“ wird offensichtlich für jede von uns anders aussehen, aber jenseits der Form, die es annehmen wird, heißt das ein für alle Mal ein Ort in der Schwerkraft des Momentums zu werden, den du „mein Leben“ nennst. Wieder und wieder und wieder die abhängig machenden Krämpfe von Wertlosigkeit zu lösen und zur Autorität des Geistes zurückzukehren. Zu wagen, der Größe zu begegnen, die sich selbst in genau diesem Atemzug in dich hineindrängt, auch wenn deine Beine zittern. 

Archimedes sagte vor 2000 Jahren, Gib mir einen Punkt, wo ich sicher stehen kann und ich hebe die Welt aus den Angeln”, und du kannst das und du tust es. Stellung beziehen ist keine Betrachtungsweise. Stellung beziehen ist ein Platz, an dem du eine Vision hast. Stellung beziehen ist dieser Bereich der Abgrenzung, der Gandhi, Martin Luther King, Mutter Teresa, César Chávez und Nelson Mandela auszeichnet. Sie bezogen Stellung, die tatsächlich den Lauf der Geschichte schlussendlich verändert hat. Sie waren nicht dafür oder dagegen, vielmehr standen sie in einem Feld der Kraft, Schönheit und Integrität, das es dem persönlichen Standpunkt erlaubte, sich um sie herum aufzulösen, so dass das Schicksal und die Entwicklung der menschlichen Familie sich wirklich vorwärtsbewegen konnte.

~ Lynne Twist 

Maria Magdalena,

manchmal bereue ich insgeheim den Tag, an dem ich um die Ecke kam und dich dort stehen sah, während dein Licht mich fast blendete. Von dem Moment an, als sich unsere Blicke vereinigten, war an keine Flucht aus der Vision der Vereinigung mehr zu denken, und dass es an uns ist, sie ins Leben zu bringen.

Im bedeutungsvollen Innehalten zwischen dem Bekannten und dem Potenzial, das ich nur erahnen kann, kann ich keinerlei Bestätigung oder Anerkennung finden, außer derjenigen ganz tief in meinem Inneren. Ein Flüstern von Erkenntnis, die so unbestimmt, so schwer zu begreifen ist. Dennoch stehe ich da, wo ich stehe, weil ich nicht anders kann. Es gibt keinen Weg zurück. Ich kann nicht ungesehen machen, was ich gesehen habe.

Meine Beine zittern, aber ich stehe immer noch. 

~ Chameli